Predigt 1. Korinther 2,1-10 (15.1.12, Brüdergemeine Dresden)

Korinther 2,1-10
1Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. 2Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. 3Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, 5damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« 10Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.


Liebe Schwestern, liebe Brüder,
Es gibt drei wesentliche Punkte, die im Christentum eine Rolle spielen. Die Geburt Jesu, Gottes Sohn in der Krippe in Bethlehem. Jesu Tod am Kreuz auf Golgatha und der Sieg über den Tod, die Auferstehung Jesu. Diese drei wesentlichen Punkte bilden eine Einheit und können nicht voneinander getrennt werden, sie alle bedingen einander. Man kann nicht nur einen Punkt herauspicken, weil der uns am sympathischsten ist. Und doch… Manchmal, gerade in der Advents- und Weihnachtszeit ist uns das Kreuz doch manchmal unheimlich fern. Wie gern verinnerlichen wir dann dieses Bild des bescheidenen, unschuldigen, reinen Kindleins in der Krippe im Stall. Diese Krippe strahlt doch einfach etwas gemütliches und behagliches aus. Die Krippe steht ja auch nie isoliert da, es stehen die Eltern daneben, Hirten, Tiere Engel und Könige oder Weise.


Auch die Vorstellung des Auferstandenen strahlt auf ihre eigene Weise. Oft verbunden mit dem Bild eines Königs, dessen Licht alles andere überstrahlt. Dessen Licht den Tod ausgelöscht hat, der dieses Ewige, unbesiegbare ausstrahlt. Wie wunderbar, wenn man sich von diesem Licht anleuchten lassen kann.
Dann ist dann aber eben noch dieses Dritte, ohne das es diese heimelige Krippenszene und die Herrlichkeit der Auferstehung nicht gibt: Das Kreuz. Ohne Kreuz gibt es die anderen beiden wesentlichen Punkte des Christentums nicht. Mit dem Kreuz ist es so eine Sache. Eigentlich möchten wir das gar nicht sehen, diese blutige Szene eines Menschen der zu Tode gequält, geschunden und gefoltert wird. Dieses unendliche Leiden, diese grauenhaften Qualen. Nein, wenn wir wirklich ehrlich sind, dann sagt uns unser Verstand, dass uns diese Vorstellung überhaupt nicht behagt.
Und doch gehört es eben alles zusammen, die Krippe, die Auferstehung und das Kreuz. Ohne das Kreuz können wir weder die Krippe noch die Auferstehung begreifen. Es gehört alles zusammen und kann nicht voneinander getrennt werden.


Also, dieses Kreuz, diese unangenehme Sache, schauen wir es uns doch wieder einmal etwas näher an. In diesem Kreuz sehen wir, wie viel wir unserem Gott wert sind. Wir sind ihm soviel wert, dass er das Liebste was er hat, seinen Sohn für uns hergibt. Unser Gott kommt ganz in unsere elende Welt, er thront nicht einfach irgendwo auf einer Wolke im Himmel. Er kommt ganz zu uns, als einer von uns. Als Mensch. Mit allem, was zu einem Menschen dazugehört. Gott geht nicht auf Distanz zu uns, sondern er sucht unsere unmittelbare Nähe. Er will uns ganz nahe sein. Krippe, Kreuz und Auferstehung – diese drei wesentlichen Punkte des Christentums sind an sich schon wie ein Wunder. Wenn ich das mal begriffen habe, dann werde ich auch mich und meine kleine bescheidene Welt meiner persönlichen Probleme und Befindlichkeiten nicht mehr als Mittelpunkt der Welt empfinden können, dann werde ich begreifen, dass auch die Bedrohungen in der Welt, seien es Finanzkrisen, Kriege, und alles andere menschengemachte Elend in dieser Welt eben nicht der eigentliche Mittelpunkt sind, sondern der Mittelpunkt der Welt liegt eben in der Geburt des Gottessohnes: also in der Krippe. Und im Kreuz: im Tod Jesu, der uns mit seinem Sterben von unserer Schuld befreit hat, der für unsere Sünden gestorben ist. Und der Mittelpunkt der Welt liegt auch in der Auferstehung: Jesu Sieg über den Tod.
Wenn ich dies alles begriffen habe, wird die Welt nicht aufhören, sich zu drehen. Die Hungerkatastrophen werden bleiben. In Atomkraftwerken wird es trotzdem Kernschmelzen geben. Wertvolle Menschenleben werden in wertlosen Kriegen rund um den Erdball weiterhin ausgelöscht werden. Und mein eigenes Leiden in dieser Welt wird auch nicht aufhören. Aber wenn ich die wesentlichen Punkte des Christentums in meinem Glauben verinnerlicht habe, dann wird sich auch meine Einstellung zu dieser Welt und zu meinem eigenen Leben ändern.


Für Paulus war das auch so. Er hatte dieses Bekehrungserlebnis und wurde dann zum Workaholic fürs Christentum, für die Verbreitung des Evangeliums setzte er sich unermüdlich ein. Für die Gemeinde in Korinth hatte er so viel gemacht. Und wie dankten diese es ihm? Gar nicht. Sie feindeten ihn an und er war ziemlich gekränkt. Die Korinther hörten plötzlich auf ganz andere, nicht auf ihn, Paulus. Und dieser Paulus sagt es diesen Korinthern – ganz unbrüderisch – auch klar und deutlich, wie daneben er das findet.


Und dann weist er sie auf das Wesentliche hin. Auf diesen einen wesentlichen Punkt des Christentums: Den Gekreuzigten. Das Kreuz. Und er sagt: Es ist vollkommen egal, wer diese Botschaft vom Gekreuzigten verkündigt, so lange er verkündigt wird! Paulus will damit auch betonen, wie wichtig es ist, dass alle zusammen an der Gemeinde mitbauen. Alle Menschen in der Gemeinde, seien sie noch so unterschiedlich, nimmt Paulus in die Pflicht, damit sie merken, dass Gemeinde nur funktioniert, wenn sich alle gemeinsam auf den Weg machen und versuchen zu erkennen und zu begreifen, was das Wichtigste in ihrem Leben, wer der Herr ihres Lebens ist. Diese Erkenntnis hat einen grossen Feind und dahin will Paulus eigentlich in diesem Abschnitt: Die Erkenntnis hat einen grossen Feind und das ist unser menschlicher Verstand. Unser Verstand, glaubt nur, was er sieht und man muss alles wissenschaftlich beweisen können. So bin ich zum Beispiel aufgewachsen. Mir wurde als Kind gesagt, dass Gott nicht existiert, weil man ihn nicht wissenschaftlich beweisen kann. Das habe ich auch lange geglaubt, heute weiss ich – Gott sei Dank! – wer der Herr meines Lebens ist.


Wir dürfen natürlich auch dankbar sein, für unseren Verstand. Denn hätten wir ihn nicht, dann würden wir wahrscheinlich alles glauben, was uns so erzählt wird. Jeglichen Klatsch und Tratsch würden wir für bare Münze nehmen. Da hilft uns unser Verstand zu filtern oder nachzufragen. Er hilft uns auch zu verstehen, dass es sinnlos ist, immer alles verstehen zu wollen. Unser Verstand befähigt uns der Analyse, er hilft uns, strukturiert zu denken, er befähigt uns Situationen einzuschätzen und selbständig zu entscheiden. Paulus geht es nicht darum, dass wir einfach unseren Verstand ausschalten sollen. Er wollte kenntlich machen, dass man eben nicht alles mit dem Verstand erfassen kann, dass es auch Dinge und Gegebenheiten gibt, die sich mit dem Verstand alleine nicht begreifen lassen.


Unser menschlicher Verstand kann Gottes Weisheit niemals erfassen oder begreifen. Wieso ist Gott überhaupt Mensch geworden? Das ist doch völlig unverständlich. Wir werden dies mit unserem Verstand niemals begreifen. Wir können noch so verkrampft nach einem logischen Prinzip in dieser Geburt als wehrloses Kind in der Krippe suchen. Wir werden nie begreifen, weshalb er nicht mit wehenden Fahnen und als königlicher Held kam. Wir werden nie begreifen, weshalb er nicht an einem zentraleren und wichtigeren Ort zur Welt kam anstatt in diesem provinziellen Bethlehem. Wir werden nie begreifen, weshalb es ein Futterbehälter sein musste und nicht ein strahlender Palast. Er hätte auf einem Thron sitzen können und von dort aus die Welt regieren und hätte sich nicht die Hände mit Arbeit schmutzig machen müssen. Er hätte alle Schätze der Welt zusammenraffen können, doch er blieb arm. Wir werden keine Logik darin finden. Mit unserem menschlichen Verstand werden wir dies nie begreifen. Niemals.


Dass Gott Mensch wurde können wir mit unserem Verstand nicht begreifen. Paulus schreibt in seinem Brief an die Korinther, dass es ja auch gute Weisheiten gäbe, damit meint er, die Weisheit, die durch den Verstand zu erfassen ist. Das Problem ist einfach, dass der Verstand die Botschaft vom Kreuz nicht begreift. Er kann es nicht begreifen, dass Gott nicht auf seinem himmlischen Thron bleibt und sich zudienen lässt, sondern stattdessen sich voll und ganz für uns Menschen einsetzt und uns dient. Das ist unverständlich und ein Wunder. Wunder lassen sich nicht mit dem Verstand erfassen und begreifen, Wunder kann ich nur mit meinem Glauben erfassen. Die Botschaft des Gekreuzigten Heilands kann ich nur mit dem Herzen begreifen, denn dort sitzt mein Glaubenszentrum. Ich habe 1985 dieses Wunder für mich persönlich angenommen und konnte in der folgenden Zeit – dann als Gläubige – entdecken, was da Grossartiges passiert ist, das unser aller Leben verändert.


Ich habe damals begriffen, dass man Gott nicht mit dem Verstand beweisen kann, dass er keine wissenschaftliche Grösse ist. Ich habe damals begriffen, was es heisst mit dem Herzen zu glauben. Und weil mich diese Wissenschafts-Aussage meiner Kindheit bis heute immer wieder zum Nachdenken bringt, kann ich heute sogar ein klitzekleines wissenschaftliches Experiment machen. Das geht folgendermassen:
Ich habe etwas in der Hand, was noch nie ein Mensch gesehen hat. Glaubt ihr mir das? Selbst ich habe es noch nie gesehen. Das ist schwer zu verstehen, oder? Es ist unglaublich, aber wahr. Ich habe eine Nuss in der Hand, eine Erdnuss. Die ist in einer Schale und daher hat sie noch nie jemand gesehen. Das ist so unglaublich, so einfach und doch wahr! Und als ich Euch eben gefragt habe, ob ihr mir glaubt, musstet ihr euch entscheiden mir zu glauben, oder mir nicht zu glauben.

 

Und so ist es eben auch mit diesen wichtigsten oder wesentlichen Punkten des Christentums: der Krippe, des Kreuzes und der Auferstehung. Irgendwann muss ich mich dafür entscheiden, zu glauben und zu vertrauen.


Unser Vertrauen zu Gott gründet in der Botschaft von Krippe, Kreuz und Auferstehung. Dank diesen wesentlichen drei Punkten des Christentums können wir durchatmen und unser Leben gestalten und können wir gemeinsam Gemeinde bauen. Es kann auch passieren, was will, bei Gott werden wir immer Geborgenheit finden. Der Herr ist immer für uns da, auch wenn unser Verstand vielleicht meint, dass da keiner mehr ist. Unser Herr leitet und führt uns und kommt uns spürbar nahe. Wir dürfen uns ihm ganz anvertrauen.
Amen.