Predigt zur Feier des 13. August 1727 (15.8.10, Brüdergemeine Königsfeld)

Epheser 2,4-10

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht - aus Gnade seid ihr selig geworden -;  und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

 

Christian David wurde 1690 in Senftleben/Mähren geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf und machte – im Alter von 20 Jahren - eine Ausbildung zum Zimmermann. Bei einem katholischen Meister, der aber eher evangelisch gesinnt war. In Christian David kamen zu dieser Zeit erstmals Zweifel an der Lehre der Katholischen Kirche auf. Die Katholische Kirche war die Kirche, in der er aufgewachsen war. Christian David machte sich auf die Suche nach dem rechten Glauben. Eines Tages fand er auf dem Dachboden seines Meisters eine Bibel und begann darin zu lesen. Und je mehr er las, wuchs in ihm die Überzeugung, dass der evangelische Glaube der richtige sei. Nach seinem Lehrabschluss wurde es etwas turbulent in seinem Leben, denn überall wo er war, wurde er wegen seiner evangelischen Überzeugung wieder fortgejagt. In Berlin trat er zur evangelischen Kirche über und landete über Umwege in Görlitz. Dort fand er außer Arbeit auch endlich lebendige Gemeinschaft mit anderen Christen. Von Görlitz aus holte er auch immer wieder andere Glaubensflüchtlinge, darunter auch Nachkommen der alten Brüder-Unität aus Mähren hinaus. Durch Johann Andreas Rothe – der damals Pfarrer von Berthelsdorf war -  wurde Christian David mit dem Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf bekannt, der sich bereit erklärte, den um ihres Glaubens willen Verfolgten auf seinem Gut Berthelsdorf die Möglichkeit zur Ansiedlung zu geben. Mit dieser Botschaft eilte David nach Mähren und brachte die beiden Messerschmiede Augustin und Jakob Neißer mit ihren Frauen, vier Kindern und zwei Verwandten wohlbehalten über die schlesische Grenze. An der Landstraße von Löbau nach Zittau wurde ihm nahe am Hutberg ein Platz zur Ansiedlung angewiesen. Am 17.6. 1722 fällte er den ersten Baum zum Bau des ersten Hauses von Herrnhut. Trotz großer Gefahren zog Christian David elf- oder zwölfmal in die Heimat und durfte dort, besonders in Zauchental und Kunwald, Erweckungen erleben.

Christian David entwickelte sich zu einer der prägendsten Persönlichkeiten in Herrnhut und er war auch ein begnadeter Prediger, von dem sogar John Wesley in späteren Jahren beeindruckt und begeistert war. Im Frühjahr 1727 wurde Christian David in Herrnhut dann auch durch das Los zum Ältesten gewählt.

 

Im August 1727 war David gerade damit beschäftigt einen kleinen Turm auf das Versammlungshaus zu bauen. Er wusste, dass es in Sorau einen besonders gelungenen Turm gäbe und er beschloss, dahin zu reisen, um sich die Bauweise abzuschauen. Am 8. August 1727 machte sich Christian David von Herrnhut aus auf den Weg ins 100km entfernte Sorau. Melchior Nitschman, auch ein Ältester, begleitete ihn. In Sorau konnten sie auch den Br. David Schneider besuchen, der zu dieser Zeit noch dort wohnte. Auch um diesem zu erzählen, was Gott in diesen Tagen an der Gemeine in Herrnhut getan hatte. Denn es waren sehr bewegte Zeiten in Herrnhut, doch dazu später. Am 13. August 1727 vormittags befanden sich David Christian, Melchior Nitschmann und David Schneider in eben diesem Sorau, als sich ein Gefühl ihrer bemächtigte, das so überwältigend war, dass sie auf der Stelle auf ihre Knie niedersanken und mit großer Inbrunst zum Heiland beteten.

 

Liebe Geschwister, was war denn da geschehen, in diesem Sorau? Ihr seid ja hier, um etwas über den 13. August 1727 in Herrnhut, resp. Berthelsdorf zu hören und nun erzähle ich euch etwas von Christian David in Sorau? Nun, ihr müsst euch noch etwas gedulden, lassen wir die drei Brüder doch einfach mal in Sorau und wenden uns dem heutigen Predigttext zu.

 

Paulus betont darin, dass wir aus Gnade gerettet werden. Wir selbst haben also mit unserer Rettung nichts zu tun. Verdienen können wir sie nicht und wir werden sie auch nie verdienen. Die Gnade der Rettung ist ein Geschenk Gottes. Dieses Geschenk können wir nur im Vertrauen darauf annehmen, dass Gott es uns freiwillig gewährt. Aus zwei Gründen ist das, was Paulus hier geschrieben hat wahr: erstens: Gott ist vollkommen. Nichts, was wir zu tun imstande sind, kann sich mit der Vollkommenheit Gottes messen. Zweitens: Gott ist nach christlicher Auffassung die Liebe. Wer sündigt oder Unrecht tut vergeht sich nicht nur gegen das Gesetz, sondern gegen das Gebot der Liebe. Vergehen gegen das Gesetz lassen sich sühnen, aber gebrochene Herzen dagegen kann niemand heilen. Wenn ein Raser mit seinem Auto jemanden totfährt, dann wird diesem der Prozess gemacht. Er wird für schuldig befunden und zu einer bestimmten Strafe verurteilt. Völlig anders verhält es sich mit den Angehörigen des Getöteten. Man kann durch kein Bussgeld oder Gefängnisstrafe so etwas wieder gut machen. Die Beziehung zwischen Täter und Angehörigen des Opfers kann einzig und allein dadurch in Ordnung kommen, wenn die Angehörigen dem Täter aus freien Stücken verzeihen. So verhält es sich auch mit Gott und uns. Wir haben uns nicht an den Gesetzen Gottes versündigt, sondern an seinem Herzen. Nur durch den Akt der freiwilligen Vergebung, dank der Gnade Gottes kann die richtige Beziehung zwischen Gott und uns wiederhergestellt werden. Diese Vergebung können wir nur im vollen Vertrauen unseres Glaubens annehmen.

Und dieses Geschenk der Gnade Gottes und das Annehmen der Vergebung im vollen Vertrauen des Glaubens hat am 13. August 1727 in der Kirche in Berthelsdorf unter den Herrnhutern wie eine Bombe eingeschlagen. Ich habe es eingangs schon erwähnt es waren damals bewegte Zeiten in Herrnhut. Man hatte jahrelang um religiöse Angelegenheiten gestritten miteinander gerungen es herrschte zum Teil Neid und Missgunst und alles schien irgendwie auseinanderzubrechen. In den Monaten und Wochen vor dem 13. August kam einiges in Bewegung vor allem erkannte man, dass man so wie bisher nicht weitermachen könne und aufgrund dieser Erkenntnis setzte eine Bussbewegung ein, die ca. einen Monat dauerte und eben dann in diesem 13. August gipfelte. Am Morgen des 13. August 1727 schritt die gesamte Herrnhuter Gemeinde die Allee hinunter zur Berthelsdorfer Kirche. Alle waren von einer einzigartigen Bussstimmung erfasst. Man erkannte, wo man schuldig geworden war. Zerstrittene gingen nebeneinander und sicherten sich der gegenseitigen Vergebung zu. Während des Gottesdienstes segnete der Ortspfarrer zwei Konfirmierte ein, die Gemeinde kniete sich hin. Dann wurde das Lied „Hier legt mein Sinn sich vor dir nieder“ gesungen und das Singen wurde plötzlich vermischt mit Weinen und Schluchzen. Einige Brüder fingen dann an laut zu beten und trugen dem Herrn ihre gemeinschaftliche Not vor. Zinzendorf trat dann vor den Altar und beichtete im Namen der Gemeine, danach folgte die Absolution. An diesem 13. August wurden alle Differenzen unter den Herrnhutern beseitigt und sie lernten lieben, wie sie es selbst ausdrückten. Dieses Erweckungserlebnis zeigte die Erkenntnis der Schuld untereinander und vor Gott auf. Die Brüder und Schwestern hatten verstanden, dass eine fruchtbare christliche Gemeinschaft nur als versöhnte Gemeinschaft funktionieren kann. Nicht fromme Leistungen sollten im Mittelpunkt stehen, sondern das Zentrum ihres Glaubens sollte die Erlösung durch das Blut Jesu Christi sein.

 

Und genau darum geht es auch in unserem Predigttext, der auch sagt, dass Werke nichts mit unserer Rettung zu tun haben. Kein noch so gutes Werk kann uns mit Gott versöhnen. Ich möchte damit nicht sagen, dass wir uns selbst nicht im Geringsten zu bemühen brauchen. Ich bin der Meinung, dass wir uns unser ganzes Leben hindurch bemühen sollten, uns dankbar und dieser Liebe würdig zu erweisen. Durch gute Werke kann niemand gerettet werden; aber ebenso falsch ist es, wenn die Rettungstat Gottes keine guten Werke der Menschen bewirkt.

 

Aber was ist nun mit Christian David? Irgendwie befindet sich der ja noch immer kniend in Sorau und betet mit den zwei Brüdern zum Heiland. Die Auflösung ist, dass ich Euch bei meiner Erzählung aus der Kirche in Berthelsdorf etwas unterschlagen habe. Als Zinzendorf dort gebetet hat, betete er auch für die beiden Ältesten Christian David und Melchior Nitschmann, damit sie auch in der Ferne daran teilhaben könnten, was die Gemeine in Berthelsdorf gerade erlebte. Und Gott erhörte dieses Gebet und goss den Heiligen Geist auch in Sorau über die drei Brüder aus.

 

Und der Heilige Geist, der wirkt bis heute in unserer Kirche, denn würde er dies nicht tun, dann gäbe es die Brüdergemeine schon lange nicht mehr. Ich wünsche uns allen, dass wir, wenn wir es nicht schon haben, lieben lernen und dass wir unser Leben als Versöhnte leben.

 

AMEN.