Predigt zur Feier des 13. August 1727 (12.8.12, Brüdergemeine Königsfeld)

Jeremia 2,2: So spricht der HERR: Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät.

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Wir gedenken heute des 13. Augusts 1727. Damals hatten die Herrnhuter bei einer Abendmahlsfeier in Berthelsdorf – das liegt gleich neben Herrnhut – ein kollektives Erweckungserlebnis, d.h. sie hatten eine Begegnung mit dem Heiligen Geist. Der 13. August 1727 war ein Ereignis mit weitreichenden Folgen, weil dieses gemeinsame Erlebnis sie zusammenschweißte und sie noch lange davon zehrten. Deshalb denken wir in der Brüdergemeine auch heutzutage noch jährlich daran, indem wir die Versammlung unter dem Aspekt des 13. Augusts halten und zusammen das Heilige Abendmahl feiern.

 

Nun, dieser 13. August ist ja nicht einfach so aus heiterem Himmel passiert, sondern er hatte eine monatelange Vorgeschichte und auch ein Nachgeschichte. Ich bin der Meinung, dass wir nicht nur dieses Tages gedenken sollten, sondern dass wir uns auch überlegen, was wir aus den Geschehnissen des 13. Augusts 1727 lernen können, was wir persönlich mit nach Hause nehmen können. Unser Predigttext, die Losung von morgen, den 13. August, kann uns dabei helfen. Ich lese sie noch einmal:„So spricht der HERR: Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät.“


Liebe Geschwister, in diesem Vers aus dem Alten Testament geht es zwar um das Volk Israel, das hingebungsvoll seinem Gott gefolgt ist, aber lassen wir diesen Vers doch für uns alle ganz persönlich sprechen, was ja auch die Absicht der Losungen ist. Es geht in diesem Vers um etwas, was gut zum 13. August passt. Es geht um: Hingabe. Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, können wir erkennen, dass die Herrnhuter in der Anfangszeit auch sehr hingebungsvoll waren. D.h. es ging ihnen nicht um persönlichen Ruhm und Ehre, sondern sie versuchten, ihr ganzes Leben und Denken in den Dienst zu stellen. Ich sage ganz bewusst: sie versuchten. Immer gelang ihnen dies nicht, aber sie versuchten es wenigstens. Aber auch sie gelangten an ihre persönlichen Grenzen, vor allem dann, wenn es um die eigene konfessio-nelle Prägung ging. Wenn Lutheraner und Reformierte aufeinandertreffen, kann die Diskussion schnell ganz hitzig werden. Die ersten Geschwister, die Herrnhut aufgebaut hatten, waren einerseits Glaubensflüchtlinge aus Mähren, andererseits stießen immer mehr auch Gläubige aus dem restlichen deutschsprachigen Gebiet. Oft waren sie nicht so zufrieden mit ihren etablierten Kirchen und hatten den Wunsch mit anderen Gläubigen zusammen zu leben. Es waren junge Menschen, Anfang Zwanzig, die den Ort Herrnhut aufbauten. Aus der geschichtlichen Distanz betrachtet würde man heute sagen, dass da eine Jugendbewegung oder eine Jugendkirche entstanden ist, mit aller Dynamik und Kreativität, die freigesetzt wird, wenn Junge Menschen etwas selbst in die Hand nehmen. Diese jungen Christen haben vieles in Kauf genommen, sie wurden von außen angefeindet, auf vieles verzichtet um ihren Traum einer freien christlichen Gemeinschaft leben zu können. Sie haben vielleicht nicht unbedingt in materieller Hinsicht auf vieles verzichten müssen, aber ein Zusammenleben auf so engem Raum, ist nicht immer einfach.

 

Ich habe selbst einmal – da war ich auch Anfang 20 – in einer Landkommune gelebt. Wir waren ungefähr 20 Personen, die einen Bergbauernhof bewirtschafteten, d.h. wir lebten und arbeiteten 24 Stunden an 7 Tagen zusammen. Die Kühe mussten jeden Tag gemolken werden, die Milch musste verarbeitet werden, die Pferde jeden Tag gefüttert, die Weiden bewirtschaftet, die Äpfel geerntet, das Holz für den Winter geschlagen werden. Und wenn man alles gemacht hatte, kam hoffentlich noch jemandem in den Sinn, dass im Käsekeller die Käselaibe in der Lauge noch gewendet werden müssen. Dieses nahe Zusammensein barg natürlich auch Konfliktpotential. Es kam zwangsläufig zu Reibereien und Streitigkeiten. Leute verließen den Hof, andere kamen neu hinzu. Die Arbeit war anstrengend, ich bin morgens um 5.30 Uhr aufgestanden, war um 6 im Stall, um 8 Uhr gab es Frühstück. Dann wurde bis 12 Uhr weitergearbeitet, was halt so auf dem Hof anstand. Um 14 Uhr ging es wieder weiter, bis um 18.30 wieder der Stall rief. Um 20 Uhr gab es Abendbrot und spätestens um 21 Uhr lag ich im Bett, bereits in der Tiefschlafphase. Es waren abwechslungsreiche, aber lange und anstrengende Arbeitstage. Und ich habe nicht einmal Lohn dafür bekommen. Ich konnte dort wohnen, essen und trinken, dafür arbeitete ich auf dem Hof mit. Mein Luxus, den ich mir gönnte war, dass ich mir manchmal am Abend nach der Arbeit oder am Sonntag ein Pferd geschnappt habe und eine Runde durch die Gegend geritten bin. Ja, dieses Leben war hart und rein vernünftig betrachtet, natürlich Unsinn. So viel Arbeit und dafür noch nicht einmal Lohn bekommen: Das ist eigentlich ein Irrsinn in unserer gewinn- und leistungsorientierten Gesellschaft. Aber ich kann euch sagen: Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Ich hatte mich diesen Aufgaben, diesem Lebensstil total hingegeben, ich genoss jeden Tag, ich genoss jede Minute, die ich mit dem Vieh verbringen konnte, ich hackte leidenschaftlich stundenlang Holz, ich stampfte Heu auf dem Heuwagen bis zum Umfallen. Dabei kam mir die Arbeit eigentlich gar nicht besonders streng vor, es wäre mir damals nie in den Sinn gekommen, auszurechnen, wie lange ein solcher Arbeitstag dauert. Ich lebte dieses Leben mit Hingabe. Für mich war das damals die perfekte Lebensform: Mit der eigenen Hände Arbeit den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich wusste bei allem, was ich aß und trank, woher es kam, wie es produziert wurde, ich lebte inmitten einer traumhaften Berglandschaft, ich war mit Menschen zusammen, die mir etwas bedeuteten und die ich gern hatte. Das war mir Lohn genug, mehr brauchte ich damals nicht.

 

Meine Hingabe war nur möglich, weil ich diese Liebe zur Sache zu den Tieren und zur Aufgabe in mir trug und ich bin sicher, dass die Alt-Herrnhuter auch diese Liebe in sich getragen haben. Denn ohne Liebe ist Hingabe nicht möglich. Ihre Liebe galt dem Heiland, ihm wollten sie dienen, ihn wollten sie ehren. Sie nahmen sich selbst zurück, um der Sache willen. Die Herrnhuter haben Gott so sehr geliebt, dass sie sich zur Verfügung stellten und bereit waren, einen bestimmten Weg zu gehen und zu versuchen seinen Willen zu tun. Die Hingabe aus Liebe hat eine Konsequenz und die heißt Folgsamkeit. Oder man könnte auch Gehorsam sagen. Gehorsam klingt immer so ein bisschen nach Zwang oder Druck. Aber so ist das nicht gemeint. Das Ergebnis aus Liebe und Hingabe ist Folgsamkeit in dem Sinn, dass die Zeit des Gehorsams nicht die Zeit derFleischtöpfe Ägyptens ist, sondern die Zeit der Wüste. So wie es im Predigttext steht: wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät. Die Wüste schenkt uns das konzentrierte Hören auf Gott. Die Wüste ist ein Übungsfeld für ein unmittelbares und kompromissloses Leben mit Gott. Die Wüste ist dort, wo wir als Menschen immer wieder versagen. Im Umgang mit unseren Mitmenschen, in unserem Verhalten. Die Wüste ist dort, wo wir miteinander streiten, uns gegenseitig missachten. Die Wüste ist dort, wo es öde und einsam ist, wo man durstig ist.

 

Im August 1727 waren die Herrnhuter zerstritten. Man stritt um die konfessionelle Ausrichtung. Lutheraner gegen Reformierte gegen Mähren gegen Schwärmer. Man ging zusammen durch die Wüste. Den Durst konnten sie schließlich bei der Feier des Heiligen Abendmahls am 13. August 1727 in Berthelsdorf löschen. Gott kam ihnen dort ganz persönlich nahe. Das heißt aber nicht, dass sie nie wieder gestritten hätten. Im Gegenteil, zu Reibereien kam es immer wieder bis zum heutigen Tag. Auch ein Erweckungserlebnis ist keine Garantie, dass man den Himmel bereits auf Erden geschenkt bekommt. Hingabe hat nicht zur Folge, dass man sich damit eine lebenslange Garantie für ein gelingendes Leben erlangt, dass plötzlich alles perfekt ist und plötzlich eine eierlegende Wollmilchsau im Stall steht oder bereits geschälte Schwarzwurzeln an Bäumen hängen. Hingabe ist etwas, das man nicht selbst produzieren kann, sie entsteht einfach irgendwann, die Ursache liegt in der Liebe zu Gott und seiner Liebe zu uns und ist ein Gnadengeschenk Gottes.

 

Wenn wir uns hingeben, wenn wir uns investieren, dann erwarten wir in der Regel auch eine Gegenleistung. Das ist ganz tief in uns drin, denn wir leben nach dem Gesetz der Linearität, nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Praktiziertes Verhalten A führt zu dem erwünschten Ergebnis B. Das ganze Geheimnis besteht darin, herauszufinden, wie A aussehen muss, damit B dabei herauskommt. Aber der Weg des Glaubens, der gläubigen Hingabe ist keine gerade Linie. Gott handelt jenseits aller mathematischen, physikalischen, chemischen oder sonstigen naturwissenschaftlichen G-setzmäßigkeiten. Man kann Gott in kein Schema pressen. Er ist Gott. Allmächtig, allwissend, allgegenwärtig. Die Alt-Herrnhuter wussten nicht, wohin ihr Weg der Hingabe führen würde, ich wusste es auch nicht, als ich noch Kühe gemolken habe. Hingabe ist nun mal nicht gewinnorientiert.

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Für die nächste Woche möchte ich euch etwas zu knabbern mitgeben. Etwas Futter für das Hirn, etwas zum Nachdenken. Es ist eine Anekdote.

Im US-Bundesstaat Georgia gibt es eine kleine Universität, für die ein Pfarrer mit dem Namen Roy DeLamotte zuständig ist. Vor einem Gottesdienst hatte er eine Predigt angekündigt mit dem Titel: „Was sagt Christus, wenn wir fragen: was bringt es mir, wenn ich mich auf Religion einlasse?“ Der Titel der Predigt war länger als die Predigt selber. Denn die Ansprache bestand aus einem einzigen Wort. Der Prediger stieg auf die Kanzel und sagte nur ein Wort, nämlich „Nichts“. Das war seine Erwiderung auf die Frage: „Was sagt Christus, wenn wir fragen: was bringt es mir, wenn ich mich auf Religion einlasse?“ Später erklärte er, dass er auf diese Weise Menschen ansprechen wollte, die das Evangelium von einer egoistischen Perspektive betrachten – er wollte Leute erreichen, die meinen, dass es nur dann sinnvoll ist, sich auf Gott einzulassen, wenn ein persönlicher Vorteil dabei herauskommt. Er wurde gefragt, wie lange es gedauert hatte, diese Ein-Wort-Predigt vorzubereiten. Seine Antwort lautete: „20 Jahre“.

Amen.